
Grundschullehrer in der Region Trier schlagen Alarm: Erstklässler fehlt es an Motorik, Konzentration und Sprachkompetenz.
Ein Stift richtig halten, die eigenen Schuhe binden oder ruhig auf einem Stuhl sitzen – für viele Erstklässler in der Region Trier sind das keine Selbstverständlichkeiten mehr. Grundschullehrerinnen und -lehrer beobachten seit Jahren, dass Kinder mit immer größeren Defiziten in die Schule kommen. Die Situation hat sich zuletzt weiter verschärft – und sorgt für wachsende Besorgnis unter Pädagogen, Wissenschaftlern und Behörden.
„Manche Kinder kommen in die erste Klasse: Sie können keinen Stift richtig halten, nichts sauber ausschneiden oder ausmalen. Wir müssen ihnen auch die Schuhe binden – das können die meisten nicht“, berichtet Grundschullehrer Dieter Mehrmann (Name geändert) aus der Region Trier. Der erfahrene Pädagoge, der bereits mehrere erste Klassen unterrichtet hat, schildert damit eine Entwicklung, die viele seiner Kolleginnen und Kollegen teilen.
Es geht aber nicht nur um feinmotorische Fähigkeiten. Lehrerinnen und Lehrer berichten auch davon, dass viele Erstklässler Schwierigkeiten haben, still zu sitzen, sich zu konzentrieren oder länger an einer Aufgabe dranzubleiben. Hinzu kommt ein sprachliches Defizit: Viele Kinder seien sprachlich nicht auf dem Stand, den man von einem Kind zu Schulbeginn erwarten würde.
„Dieses Defizit macht sich bei uns in den Schulen breit. Das wird mit jedem Jahr schlechter“, sagt Oliver Pick, stellvertretender Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Rheinland-Pfalz. Viele Lehrkräfte in der Region Trier hätten diese Entwicklung dem SWR gegenüber in Gesprächen geschildert.
Viele Lehrerinnen und Lehrer führen die Entwicklung vor allem auf die stärkere Mediennutzung der Kinder zurück. „Die Kinder erzählen morgens im Stuhlkreis regelmäßig, dass sie am Tag zuvor vor dem Fernseher oder der Spielkonsole gesessen hätten“, berichtet Grundschullehrer Mehrmann. Er begrüße es daher, dass die Landesregierung plane, Handys an Schulen zu verbieten. Auch Smartwatches hätten seiner Ansicht nach nichts an Schulen verloren.
Roland Gimmler, Erziehungswissenschaftler am Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik an der RPTU Kaiserslautern/Landau, sieht Medien jedoch als einen Faktor von vielen. Ein hoher Medienkonsum könne zwar zu einer geringeren Aufmerksamkeitsspanne führen – aber eben nicht allein. Kinder, die wenig draußen spielten, seien oft nicht ausgelastet. Andere wiederum hätten einen so vollen Terminplan, dass sie so etwas wie Stille und Ruhe gar nicht kennten. Darunter leide die Konzentration.
Die Lehrerinnen und Lehrer appellieren deshalb an die Eltern, wieder mehr mit den Kindern zu spielen oder zu lesen – beides fördere auch die sprachliche Entwicklung. Erziehungswissenschaftler Gimmler unterstreicht: „Die Kommunikation mit den Eltern ist das A und O.“ Aktives Sprechen miteinander sei in vielen Fällen besser, als Sprache nur über Fernsehsendungen zu erleben. Der direkte Austausch in der Familie sei eine Grundvoraussetzung für eine gesunde sprachliche und soziale Entwicklung der Kinder.
Die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier (ADD) als zuständige Schulbehörde ist sich der Rückmeldungen aus den Grundschulen bewusst. Das Land unterstütze Schulen mit besonderen Herausforderungen bereits mit gezielten Projekten. Ein Beispiel ist das FirstClass-Programm, bei dem schwächere Erstklässler gesondert betreut werden. In der Region Trier nehmen elf Schulen an diesem Programm teil. Grundschullehrer Mehrmann hat an seiner eigenen Schule darüber hinaus kleine Kurse für Erstklässler eingerichtet, um Defizite aufzuholen und alle Kinder auf einen vergleichbaren Stand zu bringen.
Neben dem Elternhaus spiele auch die Vorschule im Kindergarten eine wichtige Rolle, betonen die Lehrkräfte. Doch nicht in jeder Kita werde sie angeboten – nicht zuletzt aufgrund von Personalmangel. Oliver Pick vom Verband Bildung und Erziehung bringt es auf den Punkt: „Und so stellen wir dann fest: Es ist schwierig, Kinder an bestimmte Arbeitsformen oder Arbeitsaufträge heranzuführen und die dann auch konsequent zu Ende zu führen.“ Fähigkeiten wie diese – neben den feinmotorischen Grundlagen – sollten eigentlich bereits zu Beginn der ersten Klasse vorhanden sein.
Da die Vorschule in vielen Einrichtungen fehle, fordert der Verband Bildung und Erziehung ein verpflichtendes vorbereitendes Jahr für Vorschulkinder – eine sogenannte „Klasse 0″. Dieses Schuleingangsjahr soll an die Grundschule angedockt werden. Dort sei der richtige Platz, um sogenannte Vorläuferkompetenzen gezielt zu trainieren: also genau jene Fähigkeiten in Motorik, Konzentration und Sprache, die viele Kinder heute beim Schuleintritt vermissen lassen.
Die Debatte um die Schulfähigkeit von Erstklässlern ist nicht neu – doch die Berichte aus der Region Trier zeigen, dass Handlungsbedarf auf mehreren Ebenen gleichzeitig besteht: in den Familien, in den Kitas und in der Schulpolitik. Ob bestehende Programme wie das FirstClass-Angebot oder geplante Maßnahmen wie das Handyverbot an Schulen ausreichen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Herausforderungen für Grundschullehrerinnen und -lehrer werden nicht kleiner.






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