
Der Rauch des Waldbrands im Hohen Venn zog über das Moseltal – doch was bedeutet das für den Riesling?
Der Großbrand im belgischen Naturschutzgebiet Hohes Venn hat die Region Trier tagelang in Atem gehalten. Wie wir in einem früheren Beitrag berichtet haben, zog dichter Rauch aus Belgien über die Mosel, löste knapp 1.100 Notrufe aus und zwang Veranstaltungen zur vorübergehenden Evakuierung. Nun stellt sich eine neue, drängende Frage: Was macht dieser Rauch eigentlich mit dem Wein? Winzer an der Mosel und Wissenschaftler geben Antworten – und die sind nicht ganz ohne Grund besorgniserregend.
Johannes Haart, Winzer aus Piesport und Vertreter einer der ältesten Winzerfamilien an der Mosel, weiß aus eigener Erfahrung, was Rauch mit Wein anrichten kann. Er hat in Australien Weinberge gesehen, die von Buschfeuern heimgesucht wurden, und berichtet, was mit den dennoch verarbeiteten Trauben passierte: „Der Rauch killt die Frucht und überlagert das Aroma. Ein leicht qualmiger Geruch kommt einem aus dem Glas entgegen.“ Einen solchen Räucherwein würde er seinen Kunden nicht vorsetzen wollen.
Trotzdem bleibt Haart für seine eigenen Reben entspannt: „Ich denke, der Brand war weit genug von den Weinbergen weg.“ Auch sein Kollege Kilian Schmitges aus Erden teilt diese vorsichtige Entwarnung: „Ich glaube nicht, dass sich die Rauchwolke auswirken wird.“ Samstag und Sonntag zogen die Rauchwaden vom Hohen Venn über die Mosel, und auch am Montag war der Rauch noch schwach zu riechen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Haart.
Doch sicher wissen können die Winzer es nicht. Auch ein Fachmann vom Bauern- und Winzerverband stellt fest: „In Deutschland fehlen bislang Erfahrungswerte. Vermutlich hängt die Ausprägung im Wein von der Dauer und der Intensität der Rauchbelastung ab.“
Professor Wilfried Schwab von der Technischen Universität München forscht genau zu diesem Phänomen, dem sogenannten „Smoke Taint“ – dem Rauchgeschmack, den Reben nach Waldbränden entwickeln können. Seine Erklärung: „Wenn Pflanzen verbrennen, entstehen sogenannte Phenole. Die verbreiten sich in der Luft und können von den Trauben aufgenommen und verstoffwechselt werden.“
Besonders heikel ist dabei ein biologischer Mechanismus: Die Trauben selbst schmecken gar nicht nach Rauch, weil sie die Phenole an Zucker binden. Das trügerische Ergebnis zeigt sich erst im Weinkeller – bei der Gärung können die Aromen freigesetzt werden. „Dann entwickelt sich dieser Geschmack, den wir von geräuchertem Schinken kennen“, erklärt Professor Schwab. In geringen Konzentrationen könne das dem Wein zwar eine interessante Note verleihen, doch: „Je höher die Konzentration, desto eher wird der Rauchgeschmack negativ wahrgenommen.“
Ein weiterer Faktor spielt in diesem Jahr eine besondere Rolle: Je reifer die Trauben, desto empfindlicher reagieren sie auf Rauch. Da es in den vergangenen Monaten heiß war, sind die Reben an der Mosel schneller gereift als üblich. Winzer Kilian Schmitges schätzt, dass die Trauben noch zwei bis drei Wochen bis zur Lese benötigen – eine Phase, in der die Beeren besonders aufnahmefähig für Schadstoffe aus der Luft sind.
Auch die Dauer der Rauchbelastung ist entscheidend. Nach großen Waldbränden in Kalifornien und Australien mussten manche Winzer ihren Wein sogar wegkippen, weil er ungenießbar geworden war. Im Moseltal waren es jedoch nur wenige Tage, an denen die Reben dem Rauch ausgesetzt waren. „Wenn an diesen wenigen Tagen aber sehr viel Rauch vorbeigezogen ist, könnte dies den Geschmack des Weins schon beeinflussen“, warnt Professor Schwab.
Eine wichtige Entwarnung liefert die Forschung zur geografischen Entfernung. Das Weinlabor Dubernet im französischen Narbonne hat Trauben nach Bränden untersucht und kommt zu dem Schluss: Je näher ein Feuer an den Weinbergen liegt, desto größer ist das Risiko für einen späteren Rauchgeschmack im Wein. Bei weit entferntem, bereits abgekühltem Rauch ist die Gefahr deutlich geringer.
Für Piesport ist das eine beruhigende Botschaft: Der große Brand im Hohen Venn liegt rund 120 Kilometer Luftlinie von dem Mosel-Ort entfernt. Kleine Feuer direkt in den Weinbergen könnten den Wissenschaftlern zufolge weit gefährlicher werden – etwa die jüngsten Brände in Kröv und Kinheim, wo die Polizei nach einem Waldbrand auch Ermittlungen zur Brandursache aufgenommen hat.
Selbst wenn die Mosel-Winzer in diesem Jahr glimpflich davonkommen sollten, zeigt der Großbrand im Hohen Venn – Belgiens größter je dokumentierter Waldbrand mit rund 3.000 verbrannten Hektar – ein strukturelles Problem auf. Fachleute erwarten, dass solche Katastrophen im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten werden. Für den Weinbau an der Mosel bedeutet das: Das Thema Rauchschäden wird keine Ausnahme bleiben, sondern zur wiederkehrenden Herausforderung werden.
Die Forschung reagiert bereits: Züchter arbeiten an neuen Rebsorten, die weniger empfindlich auf Rauch reagieren. Doch diese Entwicklung steht noch ganz am Anfang. Bis dahin bleibt den Winzern an der Mosel nichts anderes übrig, als die Lage von Jahr zu Jahr neu zu bewerten – und auf günstige Windverhältnisse zu hoffen.






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